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Ergebnisse der Praxisforschung im Überblick

Zeitzeugen zur DDR-Geschichte in Angeboten der außerschulischen Bildung

In enger Absprache mit dem Projektträger hat das Bildungswerk der Humanistischen Union NRW im Rahmen eines Unterauftrags eine umfangreiche und aussagekräftige Expertise erstellt. Hierfür wurden die Veranstaltungsprogramme sowie ggf. weiterführendes Material (Einzelprogramme, Sachberichte, Projektdokumentationen)  von 95 Einrichtungen in fünf Bundesländern (Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, NRW und Thüringen) ausgewertet, sowie Interviews mit 17 Vertreter/-innen von Einrichtungen geführt. Die Expertise gibt einen regional differenzierten Überblick über den Stand und Trends der Arbeit mit Zeitzeugen zu verschiedenen Themen im Lernfeld DDR-Geschichte und analysiert Formen und Formate in der Arbeit mit verschiedenen Zielgruppen, wobei starke Unterschiede zwischen Jugend- und Erwachsenenbildung aufgezeigt werden konnten. Ausgehend vom Material wurden eine Typologie von Zeitzeugen, eine Übersicht unterschiedlicher Funktionen und Intentionen des Einsatzes von Zeitzeugen sowie Kriterien guter Praxis erarbeitet.

Teilnehmende Beobachtung von Veranstaltungen und Projekten

Durch die Analyse von Projekten mit interessanten Konstellationen der Arbeit mit Zeitzeugen und die Begleitung in Form teilnehmender Beobachtung von Veranstaltungen wurden konkrete Praxen der Zeitzeugenarbeit in den Blick genommen, um die Potenziale und Probleme der Arbeit mit Zeitzeugen in den Rahmenbedingungen außerschulischer Bildung nachvollziehen zu können und methodische Anregungen zu erhalten. Dabei stand die Wirkung auf und Wahrnehmung durch die Teilnehmenden im Zentrum des Interesses. Es wurden fünf mehrtägige Veranstaltungen der Jugend- und Erwachsenenbildung (Träger: Verdi Bildungsstätte Saalfeld, Heinrich-Böll-Stiftung, , EJB Weimar, Villa Ten Hompel)  sowie drei  mehrstündige Tages- bzw. Abendveranstaltungen (Träger: VHS Pankow,  Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung, Helle Panke e.V. Berlin) begleitet. Ergänzend wurden Gespräche mit den Veranstaltern von drei Projekten geführt (VOS NRW/Institut für Deutschlandforschung an der Universität Bochum, Stadtmuseum Brandenburg, Institut für angewandte Geschichte, Frankfurt/Oder). Im Rahmen der Begleitungen wurden Gespräche mit Veranstaltern und meist auch mit Teilnehmenden geführt.

Studien zu Zeitzeugen in Museen und Gedenkstätten

Im Rahmen eines von der Projektleitung geleiteten Projektseminars für Master-Studierende am Historischen Institut der Universität Potsdam wurden auf der Grundlage von Befragungen, Experteninterviews und teilnehmenden Beobachtungen von 52 Studierenden Studien zur Arbeit mit Zeitzeugen an folgenden Lernorten erstellt: Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Gedenkstätte Normannenstraße, Gedenkstätte Berliner Mauer, Projektwerkstatt Lindenstraße Potsdam, Industriemuseum Brandenburg, DDR-Museum Berlin, Dokumentationszentrum Alltagskultur Eisenhüttenstadt. Dabei zeigte sich, dass sich die Konzepte der Zeitzeugenarbeit stark zwischen den Einrichtungen unterscheiden. Interessant ist, dass explizit nur Zeitzeugen in Gedenkstätten sowie in Museen mit dem Schwerpunkt auf Repression eingesetzt werden. An Lernorten mit stärkerem Alltagsbezug sind Fragen zu Problematiken impliziter Zeitzeugenschaft  aufgeworfen worden. Die Studien beleuchten auch zahlreiche praktische Aspekte der Arbeit mit Zeitzeugen. Insbesondere konnte nachgewiesen werden, dass die Lernorte meist unvorbereitet besucht werden und auch eine Auswertung der Führungen und Besuche nur in den seltensten Fällen stattfindet.

Zeitzeugen in Internetangeboten

Im Rahmen eines weiteren Projektseminars mit Masterstudierenden am Historischen Institut der Universität Potsdam wurden im Sommersemester 2011 sieben Studien zum Einsatz von Zeitzeugen auf Internetportalen zur DDR-Geschichte erstellt. Dabei wurde eine zunehmende Präsenz von Zeitzeugen im Internet festgestellt, wobei neben Zeitzeugenforen, Videosammlungen auf Themenportalen und Zeitzeugenbörsen auch interessante Ansätze im Bereich Web 2.0 verzeichnet werden können. Dabei lassen sich veränderte Formen und Funktionen des Einsatzes von Zeitzeugen beobachten. Problematisch erscheint, dass analog zu Fernsehformaten meist sehr kurze Interviewausschnitte mit Illustrationsfunktion Verwendung finden; nur selten werden biographische Hintergrundinfos und Transkriptionen geboten, die für ein quellenkritisches Arbeiten wichtig wären. Innerhalb der Portale werden nur selten kontroverse Deutungen in Dialog gebracht. Außerdem wurde festgestellt, dass viele Internetseiten durch Projektförderungen zu Anlässen wie Jahrestagen eingerichtet werden und nach Ablauf der Förderung nicht weitergepflegt werden (z.B. meinherbst89.de, aber auch das Portal www.deine-geschichte.de). Dies ist besonders bei interaktiven Konzepten problematisch, da diese Zeit brauchen, sich nachhaltig zu entwickeln. Diese Befunde wurden in einem Seminar des FU-Studiengangs Public History von Dr. Peter Haber zu Zeitzeugen im Web 2.0 bestätigt.

Zeitzeugen in zeithistorischen Ausstellungen

Ein drittes Projektseminar an der Universität Potsdam im Sommersemester 2012 erforschte die Medialisierung von Zeitzeugen in zeithistorischen Ausstellungen zur deutschen Teilung in Berlin. Dabei wurde die Medialisierung von Zeitzeugen geschichtskulturell kontextualisiert, Funktionen von Zeitzeugen für Gedenkstätten benannt und unterschiedliche Funktionen von Zeitzeugen in Ausstellungskontexten aufgezeigt. Dabei wurde gezeigt, wie Zeitzeugen die Deutungen von AusstellungsmacherInnen verstärken, aber auch konterkarieren können. Insbesondere wurden im Seminar ein Modell von angewandter Oral History („Oral History 2.0“) entwickelt und damit verbundene Problematiken aufgezeigt. Es wurde auch deutlich, in welchem Maße die Auswahl und Inszenierung von Zeitzeugenaussagen in Medienstationen vom jeweiligen Ausstellungskontext abhängig ist.