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Präsentationen und Diskussion | Zeitzeugenarbeit in der außerschulischen und schulischen Bildung – Stand und Perspektiven

In einer ersten Sektion wurden Ergebnisse von Forschungsprojekten zur Zeitzeugenarbeit in der außerschulischen und schulischen Bildung vorgestellt und diskutiert, auch um die Diskussion über mögliche Schnittstellen im Bereich historisch-politisches Lernen zwischen schulischer und außerschulischer Bildung zu befördern.

Christian Ernst stellte gemeinsam mit der Erziehungswissenschaftlerin Dr. Heidi Behrens die Ergebnisse des von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung geförderten Praxisforschungsprojektes „Arbeit mit Zeitzeugen in der außerschulischen Bildung“ vor, das Vorarbeit und Ausgangspunkt der Tagung war. Dabei gingen sie auf verschiedene pädagogische Verständnisse von Zeitzeugenarbeit, Methoden und Settings ein und zeigten Trends in fünf Bundesländern und verschiedenen Themen- und Arbeitsfeldern auf. Als Bilanz schlugen sie professionelle Leitlinien, Kriterien guter Praxis und Entwicklungsaufgaben für den Bereich der außerschulischen Bildung vor.

Christian Ernst (Zeitpfeil e.V./Universität Potsdam)

Christian Ernst

Christian Ernst hob einleitend hervor, die Ergebnisse der Kooperation von Bildungsträgern und wissenschaftlichen Institutionen in wechselseitiger Bedingung von Praxis und Forschung aus Literaturauswertung und empirischer Forschung zu verschiedenen Formaten der Zeitzeugenarbeit in außerschulischer Bildungspraxis seien nun in die Praxis der politischen und historischen Bildungsarbeit einzuarbeiten. Die Ergebnisse des Projekts wie auch dieser Tagung sollen dementsprechend in ein noch 2013 erscheinendes, praxisorientiertes Handbuch einfließen. Die vielfältigen, über das bloße Zeitzeugengespräch hinausgehenden Dimensionen von Zeitzeugenarbeit, die es dabei zu erfassen galt, unterliegen jedoch stetiger Veränderung. Im Unterschied zum nachfolgenden Vortrag von Christiane Bertram stelle die hier präsentierte Herangehensweise an den dynamischen Forschungsgegenstand daher keine empirisch validen, sondern qualitative Ergebnisse vor.

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Zunächst nannte Ernst einige Thesen zum Zusammenhang von Zeitzeugenarbeit, Geschichtskultur und Bildungspraxis; er wies auf die Lexikalisierung des Begriffs ‚Zeitzeuge‘ im sogenannten ‚Einheitsduden‘ (1991), wie die begriffsgeschichtliche Forschung von Peter Paul Schwarz sie ergeben hat, und auf die Öffnung des Zeitzeugenbegriffs auch in Bezug zu Migrantinnen und Migranten gerade in den letzten Jahren hin. Wichtig für die Bildungspraxis sei ein nichtfestgelegtes, mehrdimensionales Verständnis von Zeitzeugenschaft.

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Speziell für DDR-Zeitzeugenschaft sei der Begriff nicht eindeutig einer bestimmten Gruppe zugeordnet. Da die DDR nicht isoliert zu betrachten sei, dürfe auch das Verständnis von DDR-Geschichte und Zeitzeugenschaft zeitlich und räumlich nicht abgeschlossen sein, sondern müsse in der Bildungsarbeit wie in der Historiographie als transnationale und transregionale, als Teil deutsch-deutscher und europäischer Geschichte verstanden werden.

Die Übergänge zwischen ‚impliziter‘ und ‚expliziter Zeitzeugenschaft‘ seien fließend und manifestieren sich situationsbezogen; Akteure der politischen Bildungsarbeit sollten sich daher ihrer Auswahl- und Rahmungsfunktionen bewusst sein. Dorothee Wierlings prägnante Differenzierung von Zeitzeugenarbeit und Oral History führe zu der Frage, wie Methoden der Oral History für historisches Lernen in Projekten adaptiert werden können.

Dr. Heidi Behrens (HU-Bildungswerk NRW)

Dr. Heidi Behrens

Im Anschluss referierte Heidi Behrens zur gemeinsam mit Norbert Reichling und Paul Ciupke angefertigten Angebotsanalyse von Zeitzeugenarbeit in der außerschulischen Bildung, wozu – im Gegensatz zur schulischen Bildung – noch sehr wenig Material vorliege. Ihre Expertise zu in den Jahren 2010 und 2011 bestehenden Angeboten (Werkheft Zeitzeugenarbeit) analysierte unter anderem, zu welchen Themen mit Zeitzeugen gearbeitet wurde.

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Erinnerungspolitisch die größte Bedeutung sei der Repressionsgeschichte in der DDR zugekommen, Kultur, Geschlechterverhältnis und der als leicht zugänglich geltende Alltag seien hingegen sehr wenig thematisiert worden, da dort vielleicht eine Gefahr der Verharmlosung der SED-Diktatur gesehen werde. Besonders die Themengebiete Wirtschaft und Arbeit in der DDR stellen speziell in der Zeitzeugenarbeit sowie generell in der Historiographie ‚Leerstellen‘ dar. Ebenso seien der deutsch-deutsche Einigungsprozess und eine biographisch orientierte Sicht auf die ‚asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte‘ (Christoph Kleßmann) der beiden deutschen Staaten in den Hintergrund gerückt. Auch die osteuropäischen Transformationsprozesse scheinen mit wenigen Ausnahmen nicht über mündliche Geschichte und Erfahrungswissen vermittelt zu werden.

Die Untersuchung didaktischer Angebotsformen habe ergeben, dass in den meisten Fällen Zeitzeugen als Experten eingeladen werden, um zu referieren und in der Diskussion Fragen zu beantworten. Es gebe jedoch daneben eine weite Vielfalt an alternativen und unterschiedlich anspruchsvollen Formen der Zeitzeugenarbeit. Dabei wies Behrens auf die teilweise auftretende ‚implizite Zeitzeugenschaft‘ im Sinne erfahrungsgestützter Beiträge von Teilnehmenden hin.

Zur Rolle und Funktion von Zeitzeugen in Bezug auf unterschiedliche Adressaten und Zielgruppen machte sie ein Spektrum von bloßer Illustrationsfunktion bis hin zur erzieherischen Funktion mithilfe einer politischen Botschaft aus. Zusätzlich übernehmen Teamer bisweilen eine Funktion als unterstützende, gegensteuernde oder ergänzende Zeitzeugen, eine solche ‚Doppelfunktion‘ sei jedoch noch genauer zu analysieren.

Als Lern- und Bildungsziele seien von Bildungsträgern etwa die Vermittlung der Vergangenheit und Rekonstruktion von Realgeschichte genannt worden. Wichtiger sei jedoch die Würdigung von Lebensgeschichten als gelebte Zivilcourage; ebenso spiele die Systemgegenüberstellung eine bedeutende Rolle. Anhand von Beispielen der Konrad Adenauer-Stiftung und der Hellen Panke verdeutlichte Behrens den Befund, dass Bildungseinrichtungen jeweils ‚ihre‘ Zeitzeugen einladen, worin der ausbleibende Konsens im Umgang mit der DDR-Geschichte seinen Ausdruck finde.

Zuletzt nannte Behrens einige Merkmale ‚guter Praxis‘, wie die Verbindung von Geschichte und Biographie oder die Erschließung neuer Zielgruppen, um andere Themen miteinzubeziehen. Abschließend bemerkte sie, während als westdeutsche Zeitzeugen höchstens politische Prominenz angesehen werde, werden in Ostdeutschland auch Großeltern oder Eltern, etwa in Volkshochschulen, zu Zeitzeugen. Diese ‚Zweiteilung‘ werde jedoch wohl nicht wahrgenommen; zudem werden Fehler der frühen Oral History (wie Überwältigung und Emotionalisierung) in der aktuellen Zeitzeugenarbeit wiederholt.

Christian Ernst (Zeitpfeil e.V./Universität Potsdam)

Christian Ernst

Christian Ernst fügte im Anschluss daran Ergebnisse über die praktische Umsetzung hinzu und gab zwei Eindrücke von elaborierten Konzepten der Bildungsarbeit mit Zeitzeugen; einerseits ein multiperspektivisches Seminarangebot der Bildungsstätte Saalfeld zum Wandel von Rückblicken auf die DDR, das mit lokalen, regionalen und biographischen Bezügen der Teilnehmenden arbeite, die Deutungen der Zeitzeugen in aktuelle Debatten und Kontexte einordne und in dem auch die von Heidi Behrens erwähnte Doppelfunktion von Seminarleitenden methodisch reflektiert werde. Anderseits stellte Ernst das Projekt „Dorfreporter“ des Instituts für angewandte Geschichte in Frankfurt/Oder vor. Mit kartographischen, journalistischen und ethnologischen Methoden seien hier historische Entwicklungen eines grenznahen Dorfes untersucht und dabei unterschiedliche Perspektiven und Bewertungen reflektiert worden. Der Begriff ‚Zeitzeuge‘ sei allerdings hier vermieden worden.

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Eine aus der Auswertung folgende These lautete, die Motivation, sich bei einem Projekt anzumelden, sei durch die angekündigte Arbeit mit Zeitzeugen bei den tatsächlich Teilnehmenden gefördert worden sei. Teilnehmende fordern darüber hinaus Kontroversität ein, biographische Erzählungen seien für sie meist interessanter als ein Abriss des zeitgeschichtlichen Hintergrunds.

In Projektseminaren an der Universität Potsdam seien starke Unterschiede zwischen Gedenkstätten und Museen bezüglich der Zeitzeugenarbeit festgestellt worden; in Museen sei von Zeitzeugen nur selten die Rede. Beispielsweise arbeiten im Industriemuseum Brandenburg ehemalige Stahl- und Walzwerker, die sich als technische Experten verstehen, als ‚implizite Zeitzeugen‘ aber auch Einblicke in Themengebiete der Alltagsgeschichte wie Arbeitswelt, Industrie und Wirtschaft in der DDR geben. Das Museum selbst werde dementsprechend auch nicht als Lernort für DDR-Geschichte wahrgenommen. In Gedenkstätten hingegen, die eher dem Themengebiet der Repression zugeordnet werden können, finde man unterschiedliche Grade von ‚expliziter Zeitzeugenschaft‘. Dabei wurde die Weise des Einsatzes von Zeitzeugen in der Gedenkstätte Hohenschönhausen problematisiert, nicht jedoch die dortigen Zeitzeugen selbst kritisiert.

Vor- und Nachbereitung seien trotz enger Zeitrahmen wichtige Faktoren von Zeitzeugenarbeit, leider liegen aber selten entsprechende pädagogische Konzeptionen vor.

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Dr. Heidi Behrens (HU-Bildungswerk NRW)

Dr. Heidi Behrens

Heidi Behrens ging danach noch einmal programmatisch auf Entwicklungsbedarfe für die außerschulische Bildung ein, etwa auf die Frage der Möglichkeit von einer Ergebnisoffenheit der Prozesse, auf die Einrichtung spezifischer Fortbildungen und auf die Forderung, Zeitzeugenarbeit nur mit auch an die jeweiligen Zielgruppen angepasster Auswertung durchzuführen, sowie nach der Suche nach anderen, beispielsweise westdeutschen oder gesamteuropäischen Zeitzeugen, die verschiedene Positionen vertreten, die dann wiederum der Interpretation bedürfen.

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Christiane Bertram (Universität Tübingen)

Christiane Bertram

Die Lehrerin und Erziehungswissenschaftlerin Christiane Bertram stellte ergänzend zur vorangegangenen Präsentation ihr Forschungsprojekt zur Zeitzeugenarbeit in der Schule vor; das in der empirischen Bildungsforschung in Tübingen angesiedelte Dissertationsprojekt untersucht, ob und gegebenenfalls welche Arbeitsformen mit Zeitzeugen in verschiedenen Altersstufen die Motivation und den Kompetenzerwerb von Schülerinnen und Schülern nachweisbar fördern.

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Diese Forschungslücke solle in der durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Studie mit statistischen Methoden nach dem auf der Unterscheidung von Quellen und Darstellungen aufbauenden FUER-Modell geschlossen werden, mit der Zielsetzung, die Wirksamkeit von drei verschiedenen Unterrichtsformen (Besuch von lebendigen Zeitzeugen in der Klasse, Video-Aufzeichnung, transkribiertes Zeitzeugeninterview) miteinander zu vergleichen.

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Bertram vertrat einleitend die These, die mit der Zeitzeugenarbeit verbundenen Risiken, wie etwa Widersprüchlichkeit der Aussagen untereinander, im Gegensatz zu Schulbüchern oder Lehrern, und Kontroversität oder Perspektivität der von Zeitzeugen vertretenen Standpunkte generell, seien zugleich die Chancen für historisches Lernen in der Schule. In Prozessen von Erinnerung und Sinnbildung kommen mitunter durchaus kontrafaktische Erzählungen zustande, Zeitzeugen können – auch in Abhängigkeit von den jeweiligen Fragestellungen – nur eine eingeschränkte Sicht auf die Vergangenheit geben. Die Chancen bestehen demnach für nicht so sehr fachliches, als vielmehr für methodisches Lernen, indem Geschichte als im Rekonstruktionsprozess erst entstehende und multiperspektivische begriffen werden könne.

Da Zeitzeugenberichte sowohl als Quellen als auch zugleich als Darstellungen fungieren, müsse deren Narration quellenkritisch dekonstruiert werden, was im Unterricht historische Methodenkompetenzen fördern könne. Allerdings berge die anwesenden Zeitzeugen gebührende Achtung die Gefahr in sich, dass ihnen das letzte Wort in der Geschichtsdeutung zugeschrieben werde.

Abschließend hielt Bertram fest, Zeitzeugenbefragung stelle den Ausgangspunkt für methodisches Lernen dar, und wies auf die Relevanz von angemessener Vorbereitung und methodischer Auswertung in Abwesenheit der Zeitzeugen hin.

Diskussion:

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Dr. Martina Weyrauch (Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung)

Dr. Martina Weyrauch

In der anschließenden Diskussion merkte die Leiterin der Brandenburgischen Landeszentrale für politische Bildung, Dr. Martina Weyrauch, an, das Interesse für DDR-Zeitzeugen und ihre Erlebnisberichte sei im Osten Deutschlands anders ausgeprägt als im Westen. Außerdem wies die Historikerin Prof. Dr. Susanne Freund (Fachhochschule Potsdam) darauf hin, dass derzeit kein Testinstrumentarium für Geschichtsbewusstsein vorliege und es umstritten sei, durch welche Methoden Schüler tatsächlich nachhaltig lernen. Bertram erwiderte, ihr Testinstrumentarium arbeite mit geschlossenen Items, derzeit werde jedoch ein neues Instrumentarium in Zusammenarbeit mit der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und der Universität Hamburg entwickelt.