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Abschlussdiskussion | Emotionale Überwältigung oder Multiperspektivität? Chancen und Probleme der Arbeit mit Zeitzeugen

Der Beutelsbacher Konsens gilt nach wie vor als Grundlage der politischen Bildung und Gedenkstättenarbeit. Gerade in der historischen Bildung werden Überwältigungsverbot, Kontroversitätsgebot und Teilnehmendenorientierung durch das Prinzip der Multiperspektivität ergänzt. Doch die konkrete Umsetzung dieser Prinzipien lässt weite Ermessungsspielräume zu. Gerade bei der Arbeit mit Zeitzeugen ist zu fragen, wann emotionale Überwältigung beginnt und wo Multiperspektivität ihre Grenzen hat. Die ‚authentische‘ Übermittlung von Emotionen und Erfahrungen, auch wenn sie noch so einseitig sind, zählen zu den großen Stärken der Zeitzeugen. Wie kann man diese in der Bildungspraxis nutzen und gleichzeitig die kritische Distanz sicherstellen, die notwendig ist, um differenziertes und eigenständiges Urteilen zu ermöglichen. Über diese Fragen diskutierten Elena Demke (Referentin für politische Bildung beim Berliner Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen), Karsten Harfst (Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen) und Dr. Christoph Hamann (LISUM).

Als Podiumsdiskussion teilte sich dieser Abschnitt in einleitende Stellungnahmen der drei praktisch und theoretisch mit Zeitzeugenarbeit beschäftigten Diskutanden, gefolgt von Antworten auf Plenumsfragen zu Rolle und Funktion von Zeitzeugen in Gedenkstätten und schließlich Einschätzungen bestehender Entwicklungsbedarfe in der Arbeit mit Zeitzeugen.

Dr. Irmgard Zündorf (ZZF Potsdam)

Dr. Irmgard Zündorf

Im Rückblick auf die zurückliegende Tagung monierte die Moderatorin Dr. Irmgard Zündorf (ZZF) einleitend, der Beutelsbacher Konsens sei bisher zuwenig thematisiert worden. Wie Multiperspektivität in der Zusammenarbeit von Institutionen und Zeitzeugen umgesetzt werden könne, stellte sie an Karsten Harfst gewandt als Frage nach dem der pädagogischen Arbeit in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen zugrunde gelegten Begriff der ‚doppelten Authentizität‘ von Zeitzeugen und historischem Ort.

Karsten Harfst (Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen)

Karsten Harfst

Nachdem Karsten Harfst über Geschichte, Struktur und Auslastung der von ehemaligen Häftlingen mitbegründeten Gedenkstätte Hohenschönhausen referiert hatte, bei der einige Zeitzeugen aus verständlichen und nicht zu erörternden Gründen ihre Arbeit wieder niedergelegt haben, betonte er, ein meist in Zusammenarbeit mit Schulen durchgeführter Projekttag stelle mit pädagogischer, kontextualisierender Einführung, anschließender Führung durch Zeitzeugen und abschließender Erarbeitung thematischer Ergänzungen durch Lehrende und Schülerinnen und Schüler mit Präsentation und Abschlussdiskussion einen nachhaltigen und intensiven Einstieg in die DDR-Geschichte dar; zur besonderen Rolle von Zeitzeugen in der Gedenkstätte Hohenschönhausen führte er aus, sie fungieren dort als Experten, die historische Sachkenntnisse mit persönlicher Erfahrung ergänzen. Trotz durch diese anspruchsvolle Doppelfunktion beförderten Konflikten zwischen Zeitzeugen und pädagogischen Mitarbeitenden gebe es einen wechselseitigen Lernprozess und eine bundesweit erfolgreiche Vermittlungsarbeit.

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Elena Demke (Mitarbeiterin beim Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR)

Elena Demke

Zu ihren Erfahrungen mit Zeitzeugenarbeit befragt erläuterte Elena Demke, die Rahmenbedingungen ihrer Tätigkeit an einer Behörde als staatlicher Stelle bestehen eher in einem ‚Authentizitätsanspruch ohne Aura‘. Die am vorigen Tag thematisierten Anforderungen brauche sie daher nicht erfüllen zu können. Vielmehr gehe es in ihrer Arbeit um ‚Erstellung von Handreichungen‘ in Form von Materialien, die einen kompetenzorientierten Geschichtsunterricht begünstigen sollen. Dennoch sei dabei auch ‚Authentizität‘ im Spiel, insofern sie selbst als Zeitzeugin fungiere. Darüberhinaus seien ihrer Erfahrung gemäß die nachhaltigsten, nämlich emotional besetzten Bildungserlebnisse vielleicht nicht planbar. Demke unterschied daher zwischen ‚emotionaler‘ und ‚kognitiver Überwältigung‘, und vertrat die These, nur letztere müsse nach dem Beutelsbacher Konsens verhindert werden.

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Dr. Christoph Hamann (LISUM)

Dr. Christoph Hamann

Ob es einen Konsens über den Beutelsbacher Konsens gebe, stellte daraufhin Dr. Christoph Hamann in Frage. Die – insbesondere in Veranstaltungen der Konrad-Adenauer-Stiftung auftretende – Zeitzeugin und ehemalige Bürgerrechtlerin Freya Klier und mit ihr Sven Felix Kellerhoff, Journalist und Ehrenpreisträger der Gedenkstätte Hohenschönhausen, habe ihn für die Zielsetzung, Schülerinnen und Schüler emotional zu binden und ihnen ein bestimmtes Geschichtsbild zu vermitteln, eher als störend empfunden; auch in einem Beitrag in der Zeitschrift des Forschungsverbunds SED-Staat werde der Beutelsbacher Konsens als sehr zeitbezogen bezeichnet und unterliege also in der breiteren Diskussion sehr wohl einer Kritik.

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Der Begriff des ‚Authentischen‘, so Hamann, sei der Gedenkstätte Hohenschönhausen vollkommen adäquat. Was hingegen die ‚Authentizität‘ von Zeitzeugen angehe, berge große Probleme; ein Zeitzeuge, den er mit Bezug auf Johann Gustav Droysen als ‚Überrest aus der Vergangenheit‘ bezeichnete, wisse im Gegensatz zu einem Zeitgenossen, wie die Geschichte ausgegangen ist, interpretiere sie von einer heutigen Perspektive aus und habe zudem selbst eine Geschichte. Dies erfordere in Bildung und Forschung einen quellenkritischen Umgang mit Zeitzeugenberichten in einem angemessenen methodischen Setting.

Daraufhin rief Irmgard Zündorf in Erinnerung, ‚Authentizität‘ werde von den jeweiligen Rezipierenden zugeschrieben. Erneut an Karsten Harfst gewandt fragte sie nach dem angemessenen ‚Einsatz‘ von – unterschiedlich ‚erfahrenen‘ – Zeitzeugen in Bezug auf den Beutelsbacher Konsens. Zu klären sei, wie das ‚Authentische‘ bewahrt und zugleich etwa Multiperspektivität gewährleistet werden könne und inwiefern ein einzelner Zeitzeuge dazu überhaupt in der Lage sei.

Karsten Harfst führte den Begriff der ‚Authentizität‘ auf die Genese der Referenten zurück, die eben nicht aus fachlicher Beschäftigung, sondern aus persönlicher Betroffenheit herrühre. Dies ‚persönliche Element‘ gehe ungeachtet der Zahl der Führungen nicht verloren und könne zum ‚Sachwissen‘ hinzugefügt werden. Dadurch sei es möglich, ‚Geschichte lebendig werden zu lassen‘ und Interesse zu wecken. Die Verantwortung für angemessene Vor- und Nachbereitung hingegen, sowie für Multiperspektivität, liege auf Seiten der Lehrkräfte.

Podium

Podium

Elena Demke wandte sich gegen den ‚common sense‘ von Geschichte als Konstruktion; sie sei vielmehr für eine gemeinsame ‚Identitätsstiftung‘ wichtig. Zu erwarten, dass Schülerinnen und Schüler sowohl auf der Metaebene methodisch als auch inhaltlich Zeitzeugenberichte hinterfragen können, sei zu viel verlangt. Demke habe allerdings erlebt, dass Schülerinnen und Schüler durchaus selbst nach Gegenperspektiven verlangen, was zu begrüßen sei. Die Orientierung an Interessen der Rezipierenden als politischen Akteuren sei einer moralischen Bewertung von Geschichtsbildern logisch vorgelagert.

Christoph Hamann ging auf die Frage ein, in welcher Hinsicht die Gedenkstätte Hohenschönhausen nachhaltig sei. Die ‚Doppelqualifikation‘ von dortigen Zeitzeugen als Experten sei problematisch, da die meisten Schülerinnen und Schüler über keine klare begriffliche Unterscheidung von Quellen und Darstellungen verfügen. Er verwies auf Bodo von Borries‘ Befund, nach dem Quellen oft als objektiv und wahrhaftig angesehen werden, während Interpretationen als subjektiv und ‚ideologisch‘ gelten. Bei Zeitzeugen in der Gedenkstätte Hohenschönhausen werden beide erkenntnistheoretischen Positionen vermischt.

Demgegenüber wandte Karsten Harfst ein, im Idealfall werde von den Zeitzeugen genau zwischen Sachinformationen und ihrer persönlichen Geschichte unterschieden; letztere werde gewissermaßen als Beleg dem informierenden Referat ‚nachgeschoben‘.

Diskussion:

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Zum Auftakt der Plenumsdiskussion fragte Kerstin Lorenz von der Potsdamer Gedenkstätte Lindenstraße nach den Implikationen der ‚Attraktivität‘ von Zeitzeugen – wie wirken sie in Hinsicht auf Normen und Ansprüche der Zeitzeugen, die die meisten Schüler führen, welche Normierungen ergeben sich?

Mitschrift

Mitschrift

Klaus Schulz-Ladegast, der – als ehemaliger Häftling – zeitweise in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen als Besucherreferent tätig war, erläuterte, es sei möglich, regelmäßig Führungen zu machen und dennoch ‚authentisch‘ zu bleiben, wenn die eigene Entwicklung mit in die Führungen einbezogen und Kommunikation mit den Gruppen ermöglicht werde. Dieses Konzept sei jedoch nicht mit demjenigen der Gedenkstätte Hohenschönhausen vereinbar gewesen, weshalb er dort nicht mehr als Besucherreferent arbeite. Außerdem wies er auf Beschwerden von Lehrenden hin, der in der Gedenkstätte gezeigte Film führe – als ‚Propaganda‘ – gezielt zu Überwältigung.

Auf beide Äußerungen reagierte Karsten Harfst: er habe mit Attraktivität nur die Tatsache gemeint, dass so viele Menschen die Gedenkstätte besuchen, und damit keinen normativen Anspruch verbunden. Das vorgestellte Konzept passe durchaus zu dem der Gedenkstätte, nur werde es unterschiedlich gut umgesetzt, was sich in der Nachfrage nach bestimmten Referenten zeige. Zudem bestehe das Hauptproblem bezüglich heutiger Schülerinnen und Schüler keineswegs in der Gefahr der Überwältigung; die ‚effektivsten Zeitzeugen‘, die Sachinformationen und Problembewusstsein vermitteln können, seien diejenigen, die distanziert, reflektiert und ruhig berichten.

Daraufhin wies Christiane Bertram auf ihre These der Zeitzeugenarbeit als Chance für das Lernen der Kategorien von Darstellung und Quelle hin. Dafür wären allerdings Vor- und Nachbereitung auch direkt in den Gedenkstätten mit entsprechenden Materialien hilfreich. Silke Klewin zeigte sich irritiert, weil Harfst in den Rundgängen selbst Multiperspektivität nicht für nötig halte und sprach als Problem an, zu welcher ‚Konditionierung‘ es bei Zeitzeugen kommen könne, die monatlich bis zu 80 und damit in mehreren Jahren tausende Führungen absolvieren. Sie fragte, ob es eine angemessene Fürsorge für ehemalige Häftlinge, die auch traumatisiert sein können, gebe.

Jacob Panzner (Zeitpfeil)

Jacob Panzner

Jacob Panzner erkundigte sich, ob in der Gedenkstätte Hohenschönhausen die Vorführung des bereits erwähnten Films obligatorisch sei. Seines Erachtens trete die Ausstellung des Dokumentationszentrums im Gegensatz zum Film in den Hintergrund. Angesichts des ‚Metanarrativs‘ dieses ‚streitbar durchgearbeiteten‘ Films stelle sich die Frage nach dem pädagogischen Leitfaden der Verknüpfung von Filmvorführung und Zeitzeugenarbeit.

Den Ansatz, davon auszugehen, dass bei den Schülerinnen und Schülern kein Interesse vorhanden sei, hinterfragte Christian Ernst. Zudem könne das Konzept der Beeindruckung zur Erzeugung von Interesse problematisch sein. Vielmehr bestehe durchaus Interesse, die entsprechenden kognitiven Schlussfolgerungen fehlen jedoch auch trotz deutlicher Beeindruckung.

Anderseits solle man einzelne Zeitzeugen oder auch Gedenkstätten oder Lehrende nicht überfordern; durch Kooperationen mit Akteuren der außerschulischen Bildung könnten hingegen weitere Kapazitäten der Vor- und Nachbereitung erschlossen werden.

Stefanie Wahl verwies erneut auf das Verständnis von ‚Authentizität‘ als Rezeptionshaltung und problematisierte den ausschließlich deutschen Kontext, in dem sich die Diskussion der Tagung bewege.

Karsten Harfst versicherte abschließend, Multiperspektivität werde in der Gedenkstätte Hohenschönhausen keineswegs bewusst ausgeschaltet; vielmehr werden auch Motive der ‚Täter‘ thematisiert und die Sichtweisen der Besucherinnen und Besucher einbezogen. Er lastete der historischen Genese des Beutelsbacher Konsenses an, zu einer ‚sehr engen Fassung‘ von Multiperspektivität beigetragen zu haben. Zur Frage der Fürsorge von möglicherweise traumatisierten Besucherreferenten wies er auf die Beratungsveranstaltungen für alle Zeitzeugen hin. Allerdings müsse man davon ausgehen, dass wer sich zu dieser Arbeit bereiterklärt, auch für dazu fähig halte. Es gebe darüberhinaus keinerlei Verpflichtungen, in der Gedenkstätte zu arbeiten.

Den erwähnten Film hielt Harfst nicht für überzeugend; er sei aber ein Faktum, das in die Arbeit eingehe. In den Projekttagen werde er jedoch nicht gezeigt.

Elena Demke stellte – speziell am Beispiel von Schülerinnen und Schülern produzierter Videos, die auf der Plattform youtube einsehbar seien und eine Verarbeitung ihres ‚Schocks‘ darstellen – als fraglich dar, ob Schüler überhaupt überwältigt werden können und ob anderseits diese Überwältigung vermeidbar sei. Die Bezugnahme auf den Beutelsbacher Konsens werde zudem nicht belohnt. Als Studierende in England habe sie die Erfahrung gemacht, dass dort anstelle von ‚Aufrechnung‘, wie sie in Deutschland vorherrsche, eine das eigene Umfeld affirmierende ‚Neugier‘ und ein ‚offener Gesprächsraum‘ bestehen, in dem die Thematisierung von Emotionen nicht tabuisiert worden sei.

Zuletzt bezog sich Christoph Hamann auf das Verständnis von Zeitzeugenschaft als verbunden mit einer ‚Opfererfahrung‘. Es sei durchaus auch interessant, die Arbeit mit Zeitzeugen für Kontexte mit weniger spektakulären Themen zu öffnen. Es gebe in Fachdidaktik und Wissenschaft sehr verschiedene Auffassungen, was unter Lernen zu verstehen sei. Den hier verhandelten Fragen sollen sich daher diejenigen stellen, die die politische Verantwortung tragen.