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Bericht zum Workshop „Fragen – Antworten – Fragen“

Zeitzeug/innen und biografische Ansätze in der Vermittlung von DDR-Geschichte (Berlin, 11. und 12. November 2013)

Ist zum Thema „Zeitzeugenarbeit“ inzwischen alles gesagt? Das Bildungswerk der Humanisti­schen Union verneint dies und sieht nach wie vor Fortbildungs- und Diskussionsbedarf, ins­besondere wenn es um DDR-Zeitzeugenschaften und deren wissenschaftliche wie pädagogi­sche Nutzung geht.

Unsere Einschätzungen hinsichtlich dieses Bedarfs erwiesen sich zwar als etwas zu optimis­tisch, so dass einer der beiden geplanten Workshops ausfallen musste. Über die realisierte Veranstaltung, am 11. und 12. November 2013 in Berlin durchgeführt, wird hier berichtet. Dazu hatten sich 10 Personen angemeldet; es handelte sich um MultiplikatorInnen aus Gedenkstätten und Aufarbeitungsinstitutionen, der universitären Geschichtsdidaktik, freie Mitarbeiter/innen der politischen Bildung und Studierende. Leitung und Moderation lagen bei Dr. Heidi Behrens und Dr. Norbert Reichling.

Dieser Workshop für Multiplikatoren der Geschichtsarbeit stellte Chancen und Probleme narrativer Interviews in der Mittelpunkt, d.h. Funktionsweisen des Erzählens, die Erschlie­ßung und Interpretation subjektiver Sichtweisen, aber auch bestimmte Voraussetzungen einer erfolgreichen Interaktion zwischen Interviewer und Befragtem, etwa ein großzügiger Zeitrahmen und eine vertraute Umgebung. Es wurden zudem verschiedene Formen reflek­tiert, zeitgeschichtliche und lebensweltliche Erfahrungen der Jahre 1949 bis 1989 in Bil­dungsveranstaltungen zur Sprache zu bringen, sei es als klassisches Zeitzeugengespräch, als angeleitete biographische Kommunikation oder als Videos aus dem Netz.

Nach ausführlicher Vorstellung der Anwesenden und ihrer Bezüge zum Fortbildungsthema führte das Leitungsteam in einige Grundvoraussetzungen ein. Dazu zählen die allmähliche Etablierung von Ansätzen der Oral History in Forschung und Erwachsenenbildung sowie die dabei gewonnenen Einsichten in die Spezifik dieser Quellen- und Kommunikationsform. Aus dem zunächst oftmals „improvisierten“ Programm einer politisch motivierten „Gegengeschichte“ ist nämlich seit den 1980er Jahren eine elaborierte und hochreflektierte Metho­dologie geworden, deren Grundlinien kennen sollte, wer mit solchen Ansätzen in der Vermittlungsarbeit umgeht. Dazu zählen u.a. Kenntnisse der Dynamiken des lebensgeschichtli­chen Erzählens sowie ein Bewusstsein der am Interview beteiligten Interessen und Perspek­tiven, auch der großen Unterschiede zwischen Forschung und Bildungsarbeit.

Dass mit ausgewählten Gegenständen aus der DDR-Vergangenheit – mit Kleidungsstücken, privaten Fotos, Büchern, Dokumenten und Postkarten, Musik, dinglichen Relikten wie auch Süßigkeiten – lebensgeschichtliches Erzählen angeregt werden kann, erprobten die Teilnehmenden selbst an sog. „Lernstationen“. In diesem Zusammenhang setzten sich die KollegInnen aus Gedenkstätten, Universitäten und Aufarbeitungsinstitutionen auch mit den zuletzt von Martin Sabrow kategorisierten drei „DDR-Gedächtnissen“ auseinander: mit dem Diktatur-, dem Arrangement- und dem Fortschrittsgedächtnis. Dabei wurde kontrovers über die Weitergabe von Erfahrungswissen an die nachfolgenden Generationen diskutiert, vor allem die vielbeschworene Gefahr des „Weichzeichnens“ ehemals diktatorischer Verhält­nisse gab Anlass zu einem Gedankenaustausch über den Unterschied, gar den Gegensatz von privatem und öffentlichem Erinnern. Eine wiederum eher theoriegeleitete Diskussion über die Kategorien des öffentlichen und privaten Gedächtnisses, die Transformation von Erzäh­lungen im Generationentransfer und die Konkurrenz der öffentlichen „DDR-Deutungen“ schloss sich hier an.

Die ZeitZeugenBörse Berlin wurde Thema des Workshops durch einen Abendvortrag von Eva Geffers. Unter dem leicht ironisch formulierten Titel „Supervision und ‚Fortbildung‘ von Zeit­zeugen und Zeitzeuginnen“ stellte sie den eher jüngeren Teilnehmenden zunächst die Zeit­ZeugenBörse mit ihrer 20jährigen Geschichte vor, entfaltete anschließend ihr Verständnis von Zeitzeugenarbeit und beschrieb, wie die 160 älteren Männer und Frauen, welche derzeit in Schulen, in den Medien usf. über ihr Leben zu sprechen bereit sind, dorthin vermittelt werden, wie man ihre Auftritte begleitet und nachbereitet. Dabei wurden auch die Regeln und Funktionen des dort eingeführten, die eigene Zeitzeugenrolle reflektierenden „Halbkrei­ses“ erläutert. Frau Geffers kam zu ihrem Vortrag in Begleitung von Herrn Gabriel Berger; er reprä­sentiert neben der DDR-Vergangenheit auch vielschichtige europäische Kriegs- und Nach­kriegserfahrungen und bereitet sich zur Zeit auf die Rolle eines Zeitzeugen vor. Die Nachfra­gen und Kommentare zu Frau Geffers Vortrag griffen unter anderem bestimmte „Botschaf­ten“ der Zeitzeugen auf und die Überlegung, ob diese von vornherein in Opposition zur SED-Herrschaft gestanden haben sollten oder ihnen eine spätere Entwicklung, um nicht zu sagen „Läuterung“, zugestanden wird.

Das Konzept der ZeitZeugenBörse war auch am folgenden Tag noch Gegenstand von Gesprä­chen, vor allem Frau Geffers‘ Ausführungen zur Eignung von Zeitzeugen, hohe Ansprüche im Hinblick auf Selbstreflexion sowie das von ihnen erwartete Kontextwissen und solches über unterschiedliche Deutungen der Vergangenheit beschäftigte die Workshopteilnehmer/innen und führte zu Vergleichen mit eigenen Herangehensweisen. Eine Vertreterin der akademi­schen Geschichtsdidaktik regte an, die erwähnten Rückmeldungen an die ZeitZeugenBörse nicht nur von Lehrerinnen und Lehrern zu erbitten, sondern alternativ von Schülerinnen und Schülern. Dies würde wichtige Bewertungen und darüber hinaus einen interessanten Quel­lenbestand erzeugen.

Mit welchen Themen und Akzenten sich Zeitzeugen in der Bildungsarbeit und im Internet artikulieren, wurde zum Gegenstand der Debatte zu Beginn des zweiten Workshop-Tags. Anhand der Ergebnisse einer Expertise und dreier Fimsequenzen aus den Portalen Youtube und „Deutsches Gedächtnis“ wurde analysiert, wie in diesen Kontexten über Alltag, Lebens­welt und Repressionserfahrung gesprochen und kommuniziert wird, ob persönliches Erleben oder Verallgemeinerungen erfragt sind, wie implizit auf Deutungen der Interviewer oder der gesellschaftlichen Debatte reagiert wird.

Obgleich lebensgeschichtliche Interviews dem spontanen Erzählfluss viel Raum geben, be­dürfen sie einer akribischen Vorbereitung: Mittels einer vom Leitungsteam vorbereiteten Checkliste und einzelnen Beispieldokumenten (über Fragenkataloge und „Fragelandschaften“, eine Nutzungsvereinbarung, ein Interviewprotokoll) wurden anschließend die praktischen Fragen und möglichen Fallen besprochen, stets rückbezogen auf die berufsethische Dimension eines nichtinstrumentalisierenden Umgangs mit Zeitzeugen und Gesprächspartnern. Mögliche Konflikte und Kränkungen, die „Machtverteilung“ zwischen Interviewer und Interviewten und die aus lebensgeschichtlichen Projekten meistens erwachsende soziale Beziehung waren hier wichtige Themen, aber auch ganz praktisch-alltägliche Fragen wie die der Transkriptionsregeln und einer gewissen Fürsorge in aufgeregten Situationen.

Die letzten Elemente des Workshops waren zum einen eine exemplarische Interpretations­werkstatt, darin wurden Sequenzen aus einer (als O-Ton präsentierten und transkribierten) Lebensgeschichte analysiert, die einem Forschungsprojekt zur DDR-Opposition entstamm­ten – zum anderen ein resümierendes Gespräch über Zielgruppen, mit denen die Anwesen­den arbeiten: bei deren Erwartungen und Vorkenntnissen müsse Geschichtsarbeit generell ansetzen. Den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sollte aber auch, so das übereinstimmende Resümee, Gelegenheit gegeben werden, sich in eine Beziehung zu den Zuhörenden, z.B. heu­tigen Jugendlichen, zu begeben und deren Fragen tatsächlich aufzunehmen.

Im Workshop ging es um eine Verbindung von Theorie und Praxis. Nicht zuletzt mit dem Ein­blick in Entwicklung und Arbeit der ZeitZeugenBörse – Materialien und Literaturhinweise kamen hinzu – konnte dies intensiv umgesetzt werden. Offen blieb in dem Workshop, inwie­weit (und von wem) professionelle ‚Standards‘ für Zeitzeugenarbeit nach Jahrzehnten des Experimentierens verbindlich festgeschrieben werden sollten.

Die Unterschiede zwischen Zeitzeugen der DDR-Geschichte und der NS-Geschichte hätten, so eine Anmerkung, deutlicher herausgearbeitet werden können. Die Teilnehmenden unter­strichen abschließend die Vorteile der kleinen, intensiv kommunizierenden Lerngruppe und einer guten Mischung aus verschiedenen Berufskontexten und Generationen. Die vorge­schlagene und praktizierte Gewichtung von theoretischen Hintergründe und den „Mühen der Ebene“ wurde als angemessen eingeschätzt.

Heidi Behrens und Norbert Reichling